FAQ

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Fragen an und Antworten von  Richard Will

 

· Was für eine Art Karate ist das genau, die Du unterrichtest?

· Ist Karate-Do-Selbstverteidigung ein neuer „Stil“?

· Welche Kampfkünste eignen sich besonders für die Selbstverteidigung?

· Welches sind die wichtigsten Prioritäten in der Selbstverteidigung?

· Was bedeutet diese Priorität für die Auswahl von Taktiken und Techniken ?

· Was sind Deine Trainings-Ziele für die nächsten Jahre?

 

Was für eine Art Karate ist das genau, die Du lehrst?

Ich habe bei Thomas Preston 14 Jahre lang ein Karate geübt, das auf seinen Erfahrungen vor allem in Shotokan, Goju-Ryu, Vollkontaktkarate (mit Schutzausrüstung) und Kendo basierte. Auf kunstvolle, traditionelle und weniger praktische Aspekte wurde dabei verzichtet. Diese -  für mich immer noch sehr wertvolle - Grundlage spiegelt stark den Duellcharakter eines eher sportlichen Kampfes wieder.  Mittlerweile setze ich meinen Schwerpunkt mehr auf ein Selbstverteidigungstraining, das die Vorkampfphase (Prävention, Wahrnehmung, Vermeidung, Deeskalation) und die Nachkampfphase, sowie die besonderen Bedürfnisse von Frauen mit berücksichtigt. Psychologische und soziologische Aspekte sind da von Bedeutung. Vor allem aus dem angloamerikanischen Sprachraum erhalte ich viele wertvolle Impulse. Ich bin aber auch offen für alle Richtungen und Kampfelemente, die einfach und erfolgversprechend sind.

Ist Karate-Do-Selbstverteidigung ein neuer „Stil“?

Sicherlich nicht! Stilgründungen sollte man den großen Kampfkunstmeistern überlassen. Selbstverteidigung erlaubt sowieso keine „Stilfragen“. Was zählt ist, den Schaden eines Ernstfalls – wenn man ihn denn schon nicht vermeiden konnte – so gering wie möglich zu halten. Das ist völlig pragmatisch zu sehen oder in den Worten Marc Mc Youngs: „... fuck the art, get the job done!“ Ein Stil tendiert dazu, angeblich allgemeingültige Antworten zu propagieren. Die gibt es aber im wirklichen Leben nicht. Eine Hausfrau – oder politisch korrekt – ein Hausmann, die/der beim Kochen attackiert wird, tut gut daran, die griffbereite Bratpfanne zum Einsatz zu bringen, auch wenn dies von keinem Stil gelehrt wird.

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In Karate-Do-Selbstverteidigung praktizieren wir allenfalls einen besonderen „Denkstil“: Wir fragen uns, ob, was, und wie etwas für wen funktionieren könnte und suchen nach einer möglichst einfachen Antwort. Im übrigen findet man diesen Denkstil jetzt häufiger - ob jemand eher vom Karate, vom Jiu-Jitsu, vom Boxen oder vom Wing Tsun her kommt.

Welche Kampfkünste eignen sich besonders für die Selbstverteidigung?

Es gibt keine absolut besten Lösungen. In der Selbstverteidigung ist alles möglich. Da die verschiedenen Kampfkünste meist Spezialisierungen auf bestimmte Situationen oder Distanzen darstellen, sind sie – in ihrer jeweiligen Distanz oder Situation – oft auch gut einsetzbar. Es wäre also wünschenswert, man könnte das Boxen, Treten, Ringen, Werfen, Hebeln, Trapping etc. lernen, wie es in den Spezialdisziplinen gelehrt wird. Für die denkbar schlimmsten Situationen müsste man sich dann noch gerade die Techniken aneignen, die in diesen Kampfsportdisziplinen wegen ihrer Gefährlichkeit verboten sind. Es gibt also nicht „die beste“ Kampfkunst in der Selbstverteidigung. Was funktioniert hängt von der Situation ab. Technische Brillanz ist meist viel weniger entscheidend wie Aggression, Kampfgeist, Brutalität, Überraschungsmoment (Timing), Athletik etc. Generell gilt: Je einfacher und grobmotorischer eine Technik ist, umso Erfolg versprechender ist sie unter Stress.

Schlag- und Tritttechniken und sind für mich deshalb so wichtig, weil sie auch dem körperlich Schwächeren eine Chance geben, schnell so viel Wirkung zu zeigen, dass eine Flucht möglich wird. Alles was mit Ringen, Hebeln, Werfen etc. zu tun hat, ist schwieriger anzuwenden, verlängert die Auseinandersetzung mit dem Aggressor und vergrößert deshalb die Verletzungsgefahr.

Welches sind die wichtigsten Prioritäten in der Selbstverteidigung?

Deutlich werden die Prioritäten der SV, wenn man sie z. B. mit denen des Sports oder der Polizeiarbeit vergleicht. Im Sport geht es um das Gewinnen, nicht aber in einer SV-Situation. Schlägst Du einen Angreifer nieder, musst Du vor Gericht Deine Notwehrsituation erst einmal nachweisen. Wurdest Du von mehreren angegriffen, hast Du diese gleich als „Zeugen“ gegen Dich. Zu Gewinnen gibt es da nichts.

 

In der Polizeiarbeit ist meist das Ziel, dass mehrere Polizisten gemeinsam möglichst schonend den Verdächtigen festnehmen. Du, völlig überrascht, in Unterzahl... solltest nur bei ungefährlichen Gegnern daran denken, sie festlegen zu wollen. Dein Ziel in der SV ist auf jeden Fall: Davon kommen mit so wenig Schaden wie möglich. Auch wenn Du vielleicht zunächst so brutal wie der Angreifer agieren musst, so hilft Dir die Priorität „Flucht“ doch auch dabei, die Gefahr des Notwehrexzesses zu vermindern: Du willst ja den Gegner gar nicht „bestrafen“ – Du willst nur weg.

 

Wenn man sieht, was oft als SV-Training verkauft wird, erkennt man schnell, wie die verschiedenen Kontexte Sport, Tradition, Polizeiarbeit, munter vermischt werden und ein ziemlich untaugliches Potpourri an Techniken gelehrt wird. Man sieht ein 50kg-Mädchen, das einen 100kg-Gegner durch Handhebel zu Boden bringt, festlegt oder mit einer Abschlusstechnik (meist Fauststoß zum Kopf) „besiegt“. Als Kampf“kunst“ schön anzusehen, aber aus Sicht der Selbstverteidigung ist das schlichtweg untauglich. Im Notfall: Schlage und trete so lange, bis Du frei kommst und lauf, was das Zeug hält. Du willst nicht „gewinnen“, nicht „stilgerecht gut aussehen“, nicht „bestrafen“, Du willst nur davon kommen. Für Situationen, in denen Du jemandem, der angegriffen wird, helfen musst, gelten natürlich wieder andere Prioritäten, die eher denen der Polizeiarbeit ähneln.

Was bedeutet diese Priorität für die Auswahl von Taktiken und Techniken ?

Die Auswahl und Kombination von Taktiken und Techniken  muss vor allem so einfach wie möglich sein und muss grobmotorische Lösungen, die auch unter heftigstem Stress noch funktionieren können, bevorzugen. Es macht wenig Sinn, wenn ein großer Meister wie Ueshiba sehr komplizierte Hebeltechniken anwenden konnte, sie für Dich aber nur „funktionieren“,  so lange Dein Übungspartner brav mitspielt. Es macht auch wenig Sinn, ausgefeilte Antworten auf theoretische Kampfkunstangriffe zu haben, aber bei einfachen, realistischen Angriffen falsche Prioritäten zu setzen.  Da die wichtigste Priorität immer darin besteht, eine Gefahrensituation zu vermeiden, müsste man eigentlich Wahrnehmungs- und Lauftraining mit an erste Stelle setzen. Der Einsatz von sozialer Kompetenz, um kritische Situationen zu entschärfen, gehört mit in diesen Bereich der Prävention.

Was sind Deine Trainings-Ziele für die nächsten Jahre?

Ich werde unser Curriculum weiter systematisieren und den Austausch mit anderen SV-Gruppen pflegen. Für Fortgeschrittene möchte ich Crosstraining ermöglichen, d. h. mit Partnern zu trainieren, die andere Kampfkunst-Hintergründe haben. Ganz wichtig für unsere Frauen sind Rollenspiele mit einem Angreifer im Vollkontaktanzug, so dass „hemmungslos“ geschlagen werden kann.